|
Tagungsband zum Lesen, Kommentieren und Downloaden

Portal Praktika

pdf

Philipp Marquardt, 1
Webanwendung zur Begleitung Studierender in Praktika (Praxis- und Werkstattbericht)

Zusammenfassung

1 Leave a comment on paragraph 1 0 Dieser Bericht schildert das Konzept, die Entwicklung und erste Nutzungs­ergebnisse einer Webanwendung zur Begleitung Lehramtsstudierender in Schulpraktika und Studierender der Geisteswissenschaften in Berufspraktika. Im Gegensatz zu klassischen E-Learning-Szenarios liegt der Fokus weniger auf dem Lernen von Inhalten als vorrangig auf Betreuung und (Selbst-)Reflexion erster Praxiserfahrung. Die Anwendung ermöglicht die Kommunikation in einem Forum, die Reflexion der Differenz von Theorie und Praxis mittels Fragebogen/Tagebuch sowie die Betreuung Studierender mit Video-Seminaren in einem Virtual Classroom. Die sehr spezifischen, individuellen Anforderungen wurden in einer eigens entwickelten Software umgesetzt, statt das Konzept an bestehende Tools anzupassen.

1    Anforderungen, Konzept und Planung

2 Leave a comment on paragraph 2 0 Die Entwicklung folgt aus dem Qualitätspakt-Lehre-Antrag „Projekt erfolgreiches Lehren und Lernen“ (PerLe) der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel unter dem Punkt: „Maßnahmen zur besseren Begleitung von Schul- und Berufspraktika“. Die Projektziele sind: Studierendenzufriedenheit erhöhen, Studienabbruchquote verringern und Studienentscheidungen festigen/reflektieren. Diese übergeordneten Ziele können nicht direkt evaluiert werden. Die Maßnahmen tragen aber mittelbar zu den genannten Zielen bei, denn die Erfahrungen aus der Praxisphase können für den weiteren Studienverlauf prägend sein, da Studierende im Anschluss an ein Praktikum bestimmte Schwerpunkte setzen oder sich für einen Studienwechsel entscheiden. Zudem kann darauf verwiesen werden, dass die Praxisanteile eines Lehramtsstudiums einen wesentlichen Aspekt des Studiums ausmachen (Hascher, 2012). Die konkrete empirische Grundlage, die die Einrichtung einer Praktikumsbegleitung initiierte, ergab sich aus Studierendenumfragen: So wurden die Vor- und Nachbereitung der Schulpraktika (ø-Note 3,8) und der Berufspraktika (ø-Note 3,9) deutlich negativer bewertet als die Praktikumsbetreuung in den Schulen (ø-Note 2,1). Daraufhin sollen antragsgemäß in den Jahren 2012–2016 eine Begleitung Studierender während der Praktika, unter anderem in Online-Seminaren und -Sprechstunden sowie in einem webbasierten Portal eingerichtet werden. Seitens der Universität kann dies erst seit der Förderung aus dem Qualitätspakt Lehre des Bundesministeriums für Bildung und Forschung geleistet werden.

3 Leave a comment on paragraph 3 0 Im Wortsinne und im übertragenen Sinne finden zu bestimmten Zeiten eines Studiums, nämlich während der Schul- und Berufspraktika, Raumwechsel statt: Es werden nicht nur physische Räume gewechselt, sondern auch die Sozial- und Vertrauensräume – von der Universität in Unternehmen, in Organisationen oder in die Schule. Um die Übergänge und die große Herausforderung an Studierende, die Transferleistung und Reflexion von Theorie und Praxis erfolgreich und in Zufriedenheit zu bewältigen, sind die virtuellen Räume des Portals Praktika als prüfungs- und wertungsfreier Vertrauensraum geschaffen worden, da es um die persönliche berufliche Orientierung geht, die nicht direkt mit den Leistungen eines Studiums zusammenhängt. Die Praktikumsbegleitung durch erfahrene GeisteswissenschaftlerInnen und Lehrkräfte bietet strukturell durch ihre hohe Unabhängigkeit die Möglichkeit von Vertrauen, da weder finanziell noch personell direkte Abhängigkeiten zu prüfenden DozentInnen oder ProfessorInnen bestehen. Das Portal kann auch als ein virtueller Zwischenraum angesehen werden: Er steht zwischen Studierenden, der Universität sowie den Praktikumsgebern. Lernen findet dort auf einer Metaebene statt, wobei kein explizit prüfungsrelevantes Wissen erlernt wird. Vielmehr stehen Reflexion, berufliche Orientierung, Persönlichkeitsbildung und letztlich Bildung im gesellschaftlich relevanten Sinne im Vordergrund: gebildete Persönlichkeiten für Wirtschaft, Organisationen und Schulen. Studium und Beruf fallen in beiden zu betreuenden Studierendengruppen auseinander: Im Bereich der beruflichen Orientierung für GeisteswissenschaftlerInnen haben mögliche Berufsfelder – so die Meinungen Studierender – wenig mit dem Studium und seinen konkreten Inhalten zu tun. Vielmehr gilt es hier die Kompetenzen, die ein geisteswissenschaftliches Studium vermittelt, zu erkennen, da in diesem meist nicht auf einen konkreten Beruf vorbereitet wird. Für das Lehramt ist der zukünftige Beruf eindeutig. Hier vermissen Studierende an der Universität aber oft den Bezug zur Praxis und zur Realität des Schulalltags. Im weiten Sinne lernen Studierende nun mögliche Berufsfelder und ihre Praxis kennen, sie lernen Kompetenzen zu erkennen, sie lernen von Erfahrungen anderer und sie lernen von der Betreuung seitens der Universität. Berufliche Werdegänge von GeisteswissenschaftlerInnen zu kennen und auf diese einzugehen ist erst mit der Einführung der Bologna-Reform Aufgabe von Universitäten. So kann die Universität ebenfalls lernen, um die Angebote zur beruflichen Orientierung zu verbessern: Sie bekommt einen sehr konkreten Einblick in die Räume, in die sie Studierende nach Studienabschluss entlässt. Die Praktikumsbetreuung und berufliche Orientierung sowie die Reflexion der Differenz von Theorie und Praxis können somit durch reziproke Prozesse stetig verbessert werden. Studierende bekommen mit dem Portal und seinen verschiedenen Angeboten eine orts- und zeitunabhängige wissenschaftlich fundierte Betreuung. Über die im Antrag geforderten Features und im Besonderen mit Hilfe eines Fragebogens, Steckbriefen zu den Praktikumsgebern, Foren oder des Reflexionstagebuchs können die individuellen Erfahrungen, Schwierigkeiten und Beobachtungen im Praktikum diskutiert, analysiert und reflektiert werden. Das Portal teilt sich in einen öffentlichen und einen internen Bereich, der eine Anmeldung mit universitätsweit gültigen Daten erfordert. Damit bleiben die Studierenden im Portal untereinander anonym, können aber durch das Hochschulpersonal identifiziert werden, z.B. zur Anerkennung der Teilnahme. Sowohl statische Informationsseiten als auch interaktive Features sind in einem Portal verwoben.

2    Didaktische Features

4 Leave a comment on paragraph 4 0 Moderierte Foren: Sie ermöglichen den Austausch Studierender untereinander und Fragestellungen an die Praktikumsbegleitung. Studierende haben hier die Möglichkeit, Texte in editierbare Felder einzugeben, diese im Layout zu bearbeiten und auf vorhandene Einträge zu antworten. Das Forum aktualisiert sich selbsttätig innerhalb weniger Sekunden, so dass eine sehr dynamische Nutzung möglich ist. Die Nutzung ist fakultativ.

5 Leave a comment on paragraph 5 0 Steckbriefe Berufspraktika: Studierenden werden Fragen zum Praktikums­geber präsentiert und es wird die Möglichkeit geboten, Steckbriefe anderer Studierender zu Praktikumsgebern einzusehen, so dass Erfahrungen und Kon­takte bisheriger PraktikantInnen genutzt werden können. (s. Abb.)

7 Leave a comment on paragraph 7 0 Fragebogen Berufspraktika: Studierenden werden vor, während und nach dem Praktikum auszufüllende Textfelder mit Fragen zu Rahmenbedingungen, Erwartungen, positiven und negativen Erfahrungen, Tätigkeiten, Kollegialität, Lernergebnissen und Zukunftsvorstellungen präsentiert. Diese Selbstreflektion ist verpflichtend, aber unbenotet.

8 Leave a comment on paragraph 8 0 Tagebuch Schulpraktika: Mit Hilfe des fakultativen Lerntagebuchs, das auch als Teil eines Portfolios dienen soll, wird dazu angeregt, das eigene Lernen und Arbeiten zielgenau zu beobachten, dieses über Aufzeichnungen zu dokumentieren und zu reflektieren. Abhängig von den Leitfragen können Reflexionsprozesse aktiviert werden, welche zu einer bewussten Wahrnehmung des eigenen Lernens und Arbeitens und zu einer Beurteilung dieser Prozesse führen. Die selbstreflexive Auseinandersetzung mit dem eigenen Lernen und Arbeiten unterstützt die Verarbeitung des Gelernten in Form eines Self-Monitorings, nicht nur als eine Reflexion, sondern auch als eine Selbstregulation (Landmann und Schmitz, 2007). Es werden Fragen zur Person, zur Schule, den KollegInnen, den Erwartungen, Erfahrungen, dem eigenen Unterrichtsversuch, den Kompetenzen von Lehrpersonen, der Lehrerbelastung, Pädagogik und zum Lernprozess gestellt.

9 Leave a comment on paragraph 9 0 Online-Seminar Schulpraktika: Da Studierende während ihres Praktikums meist örtlich der Universität fern sind, wird ihnen ein fakultativer virtuell-persönlicher Kontakt mit der Universität und mit Kommilitonen ermöglicht. Während des Praktikums werden in Kleingruppenseminaren von allen Teilnehmenden die konkret erlebten und beobachteten Schulsituationen durch verschiedene, angeleitete Techniken reflektiert.

3    Entwicklung und Gestaltung

10 Leave a comment on paragraph 10 0 Da die digitale Alltagswelt Studierender von Social Media geprägt ist, war es ein Ziel, im Portal vergleichbar intuitive und dynamische Webtechnologie („Web 2.0“) zu verwenden. Die Nutzung kommerzieller Social Media (wie Facebook, google+) ist von der Universität derzeit nicht erwünscht. Der Datenschutz und die Authentizität der Identität der Teilnehmenden ist, insbesondere in der sensiblen Beziehung von Schulen zur Universität, notwendig. Auch ist die Abwesenheit von Werbung und Spam gefordert und zu Recht gibt es kritische Studierende, die nicht an kommerziellen Social Media teilnehmen. Die Barriere des Logins kann zukünftig durch ein Single-sign-in-Verfahren oder ein link-basiertes Access-token-Verfahren entschärft werden (Anmeldung über individualisierten Hyperlink). Das Portal wird unter der URL www.praktika.uni-kiel.de entwickelt. So lassen sich Inhalte in einem Forum bzw. Blog, ähnlich zum Newsstream bei z.B. Facebook, automatisch aktualisieren, ohne dass die Seite neu geladen oder ein Aktualisieren veranlasst werden muss. So verschmelzen klassisches Forum und Chat zu einem Raum. Alle Elemente, die editiert werden können, erfordern kein manuelles Speichern oder Aktualisieren, denn dies erfolgt im Hintergrund. Für die Betreuenden und Lehrenden, die Inhalte einpflegen, ist die Entwicklung eines minimalistischen Content-Management-Systems mit Hilfe der neuesten (und nachhaltigen) HTML5 Features und dem HTML-Editor CKEditor 4 umgesetzt worden. Der Editor bietet echtes wysiwyg (what you see is what you get) inline und in place (über das HTML5 contenteditable Feature), als wäre die Seite ein Dokument. Bisherige Webeditoren bieten zwar eine Vorschau, die jedoch meist in Layoutdetails vom Ergebnis abweicht und damit einer intuitiven Arbeitsweise und dem wysiwyg Paradigma widerspricht. Die dynamischen und interaktiven Inhalte wurden mit Javascript (jQuery), PHP und mySQL entwickelt. Für die Online-Seminare wird die kommerzielle Software Adobe Connect genutzt. Bestehende Lernmanagementsysteme ermöglichen es, konkrete Kurse in standardisierten Formaten umzusetzen, was aber dem hohen Individualisierungsgrad der geplanten Features und dem Ziel Betreuung statt Learning anzubieten, nicht gerecht geworden wäre. Die Beschränkung auf das Notwendige und Benutzerfreundlichkeit, auch für die Administration im „Kontrollraum“, sind zentrale Ziele des Konzepts. So hätte die Anpassung an bestehende Systeme einige Features unmöglich gemacht bzw. diese entfremdet. Nachhaltigkeit bedeutet in diesem speziellen Fall, dass Open-Source-Technologien verwendet wurden, jedoch nicht, dass gänzlich ohne Programmierkenntnisse weiterentwickelt oder gepflegt werden könnte. Das Design des Portals, im Corporate Identity der Universität, wurde an eine Designagentur in Auftrag gegeben.

4    Erste Praxisergebnisse und Erfahrungen

11 Leave a comment on paragraph 11 0 Für die Berufspraktika wurden das Erstellen eines Steckbriefs und das Ausfüllen des Fragebogens verpflichtend eingeführt, eine Benotung erfolgt jedoch nicht. Die Teilnahmezahlen liegen deshalb im Schnitt bei ca. 100 Teilnehmenden pro Semester. Für die Schulpraktika ergaben sich in einer Bedarfsanalyse im vorbereitenden Pflichtseminar mit N=456 BA-Lehramtsstudierenden (3. Semester) folgende realisierbare Bedürfnisse:

12 Leave a comment on paragraph 12 0 (auf einer Skala von 1 ‚trifft nicht zu‘ bis 4 ‚trifft zu‘)

16 Leave a comment on paragraph 16 0 Trotz dieser Ergebnisse gab es nur wenig Teilnehmende an der fakultativen Begleitung der Schulpraktika: ca. 6 aktive (Videoseminare) und ca. 25 passive (Login im Portal) von ca. 600 pro Praktikumszeitraum, sowohl in der Pilotphase 2013 als auch 2014. Gründe sind tendenziell die mangelnde Einsicht in die Notwendigkeit der Reflexion (50%, N=12) sowie fehlende Motivation zu fakultativer Teilnahme und Evaluation. Diese Punkte haben sich in der Evaluation der Nichtteilnehmenden nach dem Praktikum bestätigt, wobei deren Datenbasis kleiner ist (N≤59), da die Studierenden nicht mehr in Pflichtveranstaltungen erreicht werden konnten und daher ein Vergleich mit der Bedarfsanalyse statistisch nicht belastbar ist. Wenn also ein Angebot von Studierenden gewünscht wird, bedeutet dies anscheinend, dass die Angebote in den Studienverlaufsplan integriert sowie ECTS Punkte vergeben (Verpflichtung) oder andere Maßnahmen zur Motivation gefunden werden sollten.

Literatur

17 Leave a comment on paragraph 17 0 Altrichter, H. & Posch, P. (2007). Lehrerinnen und Lehrer erforschen ihren Unterricht (4. Auflage). Bad Heilbrunn: Klinkhardt.

18 Leave a comment on paragraph 18 0 Friebe, J. (2012). Reflexion im Training: Aspekte und Methoden der modernen Reflexionsarbeit. (2. Auflage). Bonn: managerSeminare Verlags GmbH.

19 Leave a comment on paragraph 19 0 Gläser-Zikuda, M. & Hascher, T. (2007). Zum Potenzial von Lerntagebuch und Portfolio. In M. Gläser-Zikuda & T. Hascher (Hrsg.), Lernprozesse dokumentieren, reflektieren und beurteilen. Lerntagebuch und Portfolio in Bildungsforschung und Bildungspraxis (S. 9–21). Bad Heilbrunn: Klinkhardt.

20 Leave a comment on paragraph 20 0 Hascher, T. (2012). Lernfeld Praktikum – Evidenzbasierte Entwicklungen in der Lehrer/innenbildung. Zeitschrift für Bildungsforschung, 2(2), 109–129.

21 Leave a comment on paragraph 21 0 Landmann, M. & Schmitz, B. (2007). Welche Rolle spielt Self-Monitoring bei der Selbstregulation und wie kann man mit Hilfe von Tagebüchern die Selbst­regulation fördern? In M. Gläser-Zikuda & T. Hascher (Hrsg.), Lern­prozesse dokumentieren, reflektieren und beurteilen. Lerntagebuch und Portfolio in Bildungsforschung und Bildungspraxis (S. 149–169). Bad Heilbrunn: Klinkhardt.

22 Leave a comment on paragraph 22 0 Möller, J. & Wild, E. (2009). Pädagogische Psychologie. Heidelberg: Springer.

23 Leave a comment on paragraph 23 0 Rambow, R. & Nückles, M. (2002). Der Einsatz des Lerntagebuchs in der Hochschullehre. Das Hochschulwesen, 50(3), 113–120.

24 Leave a comment on paragraph 24 0 Winter, F. (2007). Fragen der Leistungsbewertung beim Lerntagebuch und Portfolio. In M. Gläser-Zikuda & T. Hascher (Hrsg.), Lernprozesse dokumentieren, reflektieren und beurteilen. Lerntagebuch und Portfolio in Bildungsforschung und Bildungspraxis (S. 109–129). Bad Heilbrunn: Klinkhardt.

25 Leave a comment on paragraph 25 0 1   Zur Praktikumsbegleitung gehören außerden: K. Lüdecke-Röttger, W. Omernik, I.Schmidt, Dr. M. Kuchnowski, K. Pommerening, K. Schmidtke.

Source: http://2014.gmw-online.de/608/