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Technologiegestützte Echtzeit-Interaktion in Massenvorlesungen im Hörsaal

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Vortragsfolien

Martin Ebner, Christian Haintz, Karin Pichler, Sandra Schön
Entwicklung und Erprobung eines digitalen Backchannels
während der Vorlesung

1 Leave a comment on paragraph 1 3 Dieser Beitrag wird im Format „flipped conference“ umgesetzt.

Zusammenfassung

2 Leave a comment on paragraph 2 0 Interaktion zwischen Lehrenden und Studierenden in gefüllten, großen Hörsälen ist eine große Herausforderung. Audience-Response-Systeme werden als eine Möglichkeit betrachtet, schnelle Rückmeldungen von den Studierenden zu erhalten und so deren Einbindung und die Interaktion im Hörsaal zu erhöhen. Im vorliegenden Beitrag wird die Entwicklung, das Konzept sowie das Design eines Prototypen einer Anwendung vorgestellt („Backchannel“), die es den Studierenden ermöglicht, den Vortragenden kontinuierlich Rückmeldung zum Vortrag zu geben. Die Lehrenden erhalten ein aggregiertes visuelles Feedback in Echtzeit und können darauf reagieren. Ausführlich werden dabei die Ergebnisse des Testeinsatzes dargestellt sowie zukünftige Adaptionen und Entwicklungsmöglichkeiten diskutiert.

1    Herausforderungen der Massenlehrveranstaltung und
die Möglichkeit der technologiegestützten Interaktion
im Hörsaal

3 Leave a comment on paragraph 3 0 Massenvorlesungen, also Lehrveranstaltungen mit einer Anzahl von oft weit über hundert Teilnehmer/innen, gehören an Universitäten zum Alltag. Ein/e Lehrende/r steht dabei einem häufig überfüllten Hörsaal gegenüber und präsentiert den Lehrstoff zumeist traditionell. Natürlich ist es durchaus möglich, den Anwesenden Fragen zu stellen oder auch mit Hilfe von Abstimmungen für deren Beteiligung am Unterricht zu sorgen. Trotzdem gestaltet sich die Interaktion mit den Teilnehmenden besonders schwierig, so werden z.B. eher selten offene Fragen seitens der Studierenden gestellt. Dieses Problem der mangelnden Interaktion in Lernräumen für Massen ist hinlänglich bekannt und es gibt bereits weiter zurückreichende Untersuchungen zu deren Verbesserung (z.B. Bligh, 1971; Gleason, 1986).

4 Leave a comment on paragraph 4 0 Anderson et al. (2003) führen die Probleme in der Massenvorlesung auf drei wesentliche Aspekte zurück: Zunächst fehlen Rückmeldungen der Lernenden während der Veranstaltung, beispielsweise wenn Fragen offen bleiben. Damit verbunden ist die Zurückhaltung der Studierenden in Massenlehrveranstaltungen; Studierende erleben großes Unbehagen, Fragen zu stellen oder Antworten zu geben. Schließlich sorgt die Unterrichtssituation an sich, das „Einzel-Sprecher-Paradigma“ für eine mäßige Beteiligung der Teilnehmenden. Darüber hinaus führt nach Smith (2001) die Dauer einer solchen Veranstaltung (min. 45 bis 90 Minuten) zu einer zunehmend geringer werdenden Aufmerksamkeitsspanne, die Smith (2001) generell mit etwa 20 Minuten benennt.

5 Leave a comment on paragraph 5 0 Um die Interaktion in vollen Hörsälen zu erhöhen, wird schon seit Jahrzehnten mit Technologien experimentiert. Während früher dazu Hörsäle eigens mit entsprechenden Geräten ausgestattet wurden, hat heute ein Großteil der Studierenden entsprechend nutzbare Geräte im Hörsaal dabei (z.B. Laptop, Smartphone), so dass diese mehr und mehr in den Fokus rücken. In diesem Beitrag möchten wir, aufbauend auf einem kurzen allgemeinen Überblick über den Einsatz von Audience-Response-Systemen in Hörsälen, die Entwicklung und die Erfahrungen bei den Testeinsätzen mit einem neuen Backchannel-System vorstellen, bei dem die mitgebrachten Geräte der Studierenden genutzt werden („Bring Your Own Device“, kurz BYOD). Beim vorgestellten System wurde u.a. die Zielsetzung verfolgt, Rückmeldungen der Studierenden den Lehrenden in Echtzeit visuell aufzubereiten, damit jene entsprechend im Verlauf der Vorlesung auf diese Rückmeldungen zeitnah reagieren können. Die Erfahrungen mit dem System werden abschließend diskutiert und Empfehlungen für weitere Aktivitäten im Feld entwickelt. Der Beitrag beruht dabei zum Teil auf den Ergebnissen einer Abschlussarbeit an der TU Graz (Haintz, 2013).

2   Audience-Response-Systeme im Hörsaal

6 Leave a comment on paragraph 6 0 Um die Interaktion in Hörsälen zu erhöhen, gab es bereits in den 1960er Jahren erste Versuche mit sogenannten Audience-Response-Systemen (kurz ARS; s. Fröhlich, 1963; Boardman, 1968). Diese basierten damals technisch auf Voltmetern. Praktisch bedeutete dies, dass die Studierenden auf einen Knopf auf ihrem Tisch drückten und die Lehrenden so entsprechende Rückmeldung auf ihre Frage erhielten (Abrahamson, 2006). Hand in Hand mit der zunehmenden Digitalisierung haben sich in der Zwischenzeit unterschiedliche Systeme etabliert, die im Wesentlichen die Möglichkeit der Fragestellung durch den Lehrenden und die Beantwortung mit (digitalen) individuellen Endgeräten durch die Lernenden während des Unterrichts ermöglichen.

8 Leave a comment on paragraph 8 0 Abb. 1:    Überblick über unterschiedliche Formen von Audience-Response-Systemen in Hörsälen.

9 Leave a comment on paragraph 9 0 Ein wichtiges Anwendungsfeld von Audience-Response-Systemen ist die fragengeleitete Lehre, die zu einer Erhöhung der Aufmerksamkeit und Aktivität der Studierenden führen soll. Dazu unterbrechen die Vortragenden ihren Vortrag und stellen Fragen an die Studierenden. Man spricht bei einem solchen System auch von einem „Frontchannel-System“, da es für alle sichtbar eingesetzt wird. Es handelt sich dabei typischerweise um Mehrfachauswahlfragen („quantitative Systeme“), die in Echtzeit beantwortet werden können um den Lehrenden eine Einschätzungsmöglichkeit zu geben, wie man dem Unterricht folgen konnte oder wo noch Unklarheiten herrschen. Es kommen aber auch Systeme mit offenen Fragen oder Eingabemöglichkeiten („qualitative Systeme“) zum Einsatz, bei denen Studierende längere Freitexte als Antwort – oder auch als Verständnisfrage – eingeben können.

10 Leave a comment on paragraph 10 0 Ein Backchannel-System läuft im Hintergrund, d.h. es wird i.d.R. auch nicht in der Vorlesung thematisiert. Das wohl bekannteste qualitative digitale Backchannel-System ist Twitter (Ebner, 2009). Auch in Backchannel-Systemen können Fragen zur Vorlesung gestellt werden oder es werden Rück­meldungen zum Vorlesungsverlauf eingeholt. Beides kann wiederum mit offenen Texteingaben (z.B. als Kommentar bei einer Folie) oder mit geschlossenen (z.B. Mehrfachauswahlfragen) geschehen. Der quantitative Backchannel erlaubt Lernenden, Lehrenden Rückmeldungen in Echtzeit zu geben. Ein Beispiel dazu ist die Möglichkeit, die Vortragsgeschwindigkeit einzuschätzen, also den Lehrenden mitzuteilen ob sie gerade zu schnell oder auch zu langsam den Lehrstoff darbieten.

11 Leave a comment on paragraph 11 0 Während die große Mehrzahl der Systeme als Frontchannel konzipiert wurden und die fragengeleitete Lehre unterstützen sollen, wurde an der TU Graz ein Backchannel-System entwickelt, dass dezidiert dazu gedacht ist, als quantitatives System Lehrenden kontinuierliches Feedback zur Veranstaltung zu geben und damit auch Reaktionsmöglichkeiten zu bieten, während die eigene Wahrnehmung der Geschehnisse im Hörsaal hier ggf. keine genauen Interpretationen zulässt. Ein solches Tool, dass sich ausschließlich auf einige wenige Dimensionen des Lehrerverhaltens beschränkt, die zu relativ zeitnahen Veränderungen in der Vorlesung führen können, dass auf dem BYOD-Ansatz beruht und als Backchannel konzipiert wurde, gab es zu diesem Zeitpunkt u.E. nach nicht. Einen ähnlichen Ansatz verfolgte das Tool understoodit.com, hatte aber nur eine Feedbackdimension (Verständnis). Gegenstand der Forschungsarbeit war aber auch die Frage, ob nicht auch weitere Dimensionen (Vortragsgeschwindigkeit, Wohlbefinden) Sinn machen. Im Folgenden wird das Konzept des Systems „Backchannel“ beschrieben.

3    Entwicklung des Prototypen

3.1   Zielsetzung und Anforderungen

12 Leave a comment on paragraph 12 0 Zielsetzung des Projekts ist die Entwicklung und Erprobung eines Prototypen eines „Backchannels“, bei dem Studierende dem Unterrichtenden während der Vor­lesung Feedback zur Vorlesung geben können, was wiederum dem Lehrenden Möglichkeiten verschafft, neben dem persönlichen Eindruck im Hörsaal auch ggf. genauere und unmittelbarere Rückmeldung zu erhalten und darauf ggf. unmittel­bar reagieren zu können.

13 Leave a comment on paragraph 13 0 Die Entwicklung des Prototypen beruht dabei neben allgemeinen Überlegungen auch auf einer Literaturstudie zu ähnlichen Systemen. Dazu zählen beispielsweise die Applikationen LectureTools1, myTU2 und UnderstoodIt3. Die Literatur weist hier bereits einiges an Erfahrungen mit unterschiedlichen Systemen auf, beispielsweise mit den Entwicklungen ClassTalk (Anderson et al., 2003), ActiveClass (Ratto et al., 2003), AuthoringOnTheFly (Datta & Ottmann, 2001), Realfeedback (Haintz et al., 2014) oder weiteren speziell entwickelten Systemen (Purgarthofer & Reinhaler, 2008; Ebner, 2010; Gehlen-Baum et al., 2011; Attkinson, 2009; Yardi, 2006).

14 Leave a comment on paragraph 14 0 Der Prototyp wurde dabei allgemein mit Hilfe eines iterativen agilen Software­entwick­lungsprozesses umgesetzt (Beck & Cynthia, 2006), wobei folgende Schritte dabei immer wieder (iterativ) durchlaufen werden: Planung, Definition der Anforderungen („requirements“), Analyse und Design, Implementation sowie Test und Evaluation.

15 Leave a comment on paragraph 15 0 Die auf diese Weise entwickelten Anforderungen sind die folgenden: So soll die kontinuierliche Backchannel-Aktivität helfen, dem Lehrenden Rückmeldungen in Echtzeit zu geben und den Lernenden ermöglichen, ihr Feedback ständig erneuern zu können. Die Ablenkung ist dabei auf ein Minimum zu reduzieren, damit sowohl die Lehrenden als auch die Lernenden sich dem eigentlichen Unterricht widmen können und nicht der Bedienung des Systems. Damit verbunden ist auch die Benutzerfreundlichkeit, denn eine einfache Bedienung des Systems muss gewährleistet sein. Technisch sollte die Systemarchitektur einfach gehalten sein, damit auch hier größtmögliche Flexibilität und Erweiterbarkeit gegeben ist. BYOD (kurz für „Bring Your Own Device“) ist essentieller Bestandteil der Gesamtkonzeption, d.h. die Endgeräte der Nutzer sind fixer Bestandteil des Konzepts. Die Benutzeroberfläche soll universell verfügbar sein, sodass beliebige Endgeräte ohne Änderungen des Interface benutzt werden können. Dann müssen die Aktionen der Nutzer/innen sichtbar sein. Auf Eingaben der Benutzer muss das System sichtbar reagieren, damit der Beitrag innerhalb der Community sichtbar wird (vgl. Schön et al., 2013). Schließlich soll Mehrsprachigkeit berücksichtigt werden.

16 Leave a comment on paragraph 16 0 Bei der Entwicklung wurden folgende drei Dimensionen für das Feedback festgelegt: die aktuelle Zufriedenheit bzw. Stimmung, zweitens die Verständlichkeit bzw. das Verständnis des aktuell Gesagten sowie drittens eine Einschätzung zur Geschwindigkeit des Vortrags. Diese heuristische Auswahl beruhte zum einen auf anderen Systemen (UnderstoodIt verwendet die Verständnis-Dimension, myTU die Vortragsgeschwindigkeit) sowie auch Gespräche mit Dozierenden, auf welche Art von Rückmeldung, wie sie beispielsweise in Evaluationsfragebögen erfasst werden, sie überhaupt während einer Vorlesung („spontan“) reagieren können. Beispielsweise trifft das nicht auf eine Rückmeldung der Art „ist nicht gut vorbereitet“ zu.

3.2   Technische Umsetzung

17 Leave a comment on paragraph 17 0 Der Prototyp wurde als responsive Webapplikation mit aktuellen Technologien umgesetzt. Die Verwendung von HTML5 ermöglicht es, ein breites Spektrum an verschiedensten Geräten (wie Smartphones, Tablets oder Notebooks) zu unterstützen. Der Vortragende kann den Prototyp über einen einfachen Webbrowser bedienen, da keine Installation von Software oder eine Registrierung notwendig ist. Mit einem Klick kann eine neue „Umfrage“ angelegt werden, die für den Verlauf einer Vorlesungseinheit gilt. Mit einem eindeutigen fünfstelligen Identifikationscode können sich die Teilnehmer (das Publikum) anonym am System anmelden. Zur Nutzung des Systems wird lediglich ein Gerät mit Zugang zum Internet benötigt. Sobald sich die Teilnehmer/innen einmal angemeldet haben, können sie kontinuierlich Rückmeldung an den/die Vortragende(n) geben. Der/die Vortragende sieht in seinem Webbrowser in Echtzeit das gesammelte aktuelle Feedback seines Publikums. Dadurch soll die aktuelle Stimmung und das Verständnis des Publikums dargestellt werden, um als Vortragender unmittelbar darauf reagieren zu können.

3.3   Design

18 Leave a comment on paragraph 18 0 Das Design wird den Anforderungen entsprechend gewählt. Eine Anforderung ist Mehrsprachigkeit, diese wird speziell durch Einsatz von Symbolen und Bildern anstelle von Text erreicht (vgl. Abbildung 2 mit dem Display für das Publikum).

20 Leave a comment on paragraph 20 0 Abb. 2:    Screenshot der Teilnehmeransicht des Backchannel-Prototypen

21 Leave a comment on paragraph 21 0 Auf der linken Seite in Abb. 2 sieht man die Eingabeansicht für die Teilnehme-
r/in. Hier kann mithilfe von drei Schiebereglern die aktuelle Befindlichkeit übermittelt werden. Die rechte Seite stellt das Gesamtbild aller Teilnehmer dar. Alle Änderungen werden in Echtzeit dargestellt. Die Rückmeldung der Teilnehmer erstreckt sich dabei auf drei gewählte Feedback-Dimensionen (Zufriedenheit, Verständnis, Vortragsgeschwindigkeit) die alle durch Symbole erklärt werden sollen. Die Feedbackwerte der drei Dimensionen ergeben die Mimik und Gestik des Avatars, der den jeweiligen Zustand darstellt (siehe Abb. 3).

22 Leave a comment on paragraph 22 0 Abb3_opt.jpegAbb. 3:    Mimik- und Gestikverlauf des Avatars

23 Leave a comment on paragraph 23 0 Angezeigt werden jeweils die Durchschnittswerte (arithmetisches Mittel), da noch Erfahrungen mit den Veränderungen der Werte fehlten, um weitere Algorithmen zu entwerfen. Dazu galt es zunächst, Daten von einem ersten Einsatz zu erfassen.

4    Erster Einsatz im Massenlernraum

24 Leave a comment on paragraph 24 0 Der Prototyp wurde im Rahmen der Vorlesung „Gesellschaftliche Aspekte der Informationstechnologie“ an der Technischen Universität Graz im Sommer 2013 zur ersten Erprobung eingesetzt. Bei der angeführten ausgewerteten Veranstaltung waren 133 Studierende aus dem Fachbereich der Informatik anwesend. Das System wurde kurz vorgestellt, aber nicht ausführlich erklärt, da der Prototyp auch hinsichtlich Benutzerfreundlichkeit getestet werden sollte. Der fünfstellige Identifikationscode, der den Teilnehmern Zugang zum Prototypen gewährt, wurde an die Tafel geschrieben. Es wurde zudem erklärt, dass die Verwendung des Prototypen keinen Einfluss auf die Benotung hat und das Feedback zum Prototypen erwünscht ist.

5    Ergebnis: Erfahrungen beim Einsatz und Einbau eines Alterungsalgorithmus

25 Leave a comment on paragraph 25 0 Zunächst einmal war das allgemeine Interesse am System und die Beteiligung der Studierenden erfreulich hoch. An dem Testeinsatz nahmen 117 von den 133 Studierenden, d.h. 88% der Anwesenden, aktiv teil. Die Zählung erfolgte dabei über Browser-Cookies der jeweiligen Endgeräte.

26 Leave a comment on paragraph 26 0 Die genauere Analyse des Klickverhaltens der Studierenden zeigen die folgenden Auswertungen: In Abb. 4 sieht man die ungefilterten Daten für jede Feedback-Dimension dargestellt in Minutenintervallen. Das Diagramm zeigt den Schiebereglerwert über die Zeit von allen Dimensionen und von allen Benutzern.

27 Leave a comment on paragraph 27 0 Man sieht hier z.B. die Aktivitäten über die Zeit und den Ausfall des VPN-Zugangs­punktes zwischen 17:10 und 17:12 Uhr, durch den kurzzeitig kein Internet im Hörsaal verfügbar war.

28 Leave a comment on paragraph 28 0 24364.pngAbb. 4:    Ungefiltertes Feedback aller drei Feedback-Dimensionen

29 Leave a comment on paragraph 29 0 Abb. 5 zeigt eine Auswertung des Durchschnitts aller Stimmen pro Dimension zu je einer Zeiteinheit (Minute). Erwartungsgemäß nimmt bei dieser Darstellung auch die Nivellierung zu, kurzfristigen Veränderungen bzw. expliziten Rück­meldungen fällt es zunehmend schwerer, sich durchzusetzen.

31 Leave a comment on paragraph 31 0 Abb. 5:    Das arithmetische Mittel aller Rückmeldungen der drei Feedback-Dimensionen über die Zeit

32 Leave a comment on paragraph 32 0 Nachdem man aber davon ausgehen muss, dass sich Zustände über einen längeren Zeitraum hinweg verändern, wird angenommen, dass aktuelle Rück­mel­dungen mehr Gewicht haben sollen als Rückmeldungen, die bereits weiter in der Vergangenheit liegen, um die aktuelle Publikumsstimmung besser darzustellen. Es wurden dazu mit diesen ersten Daten verschiedene Alterungsalgorithmen getestet, um das gewünschte Resultat zu bekommen (vgl. Abb. 6)

34 Leave a comment on paragraph 34 0 Abb. 6:    Verschiedene Alterungsalgorithmen angewandt auf die Feedback-Dimension Geschwindigkeit

35 Leave a comment on paragraph 35 0 Als aussichtsreichster Ansatz erschien uns der quadratische Alterungsalgorithmus (rot; siehe Abb. 7). Dieser Alterungsalgorithmus auf die Daten angewandt hebt die aktuelleren Rückmeldungen in den Vordergrund und gibt so ein adäquateres Bild der aktuellen Stimmung im Publikum wieder.

38 Leave a comment on paragraph 38 0 Abb. 7:    Aging-Faktor und gewichtetes Ergebnis mit quadratischem Alterungsalgorithmus.

6    Weitere Erfahrungen

39 Leave a comment on paragraph 39 0 Das Tool wurde weiterhin bei Vorlesungen und Vorträgen eingesetzt, die bisherigen ergänzenden Erfahrungen wurden dabei jedoch nicht systematisch erfasst und ausgewertet. Allgemein sind technische Probleme gänzlich ausgeblieben, sowohl die Anzeige für die Lehrenden als auch für die Studierenden auf deren Endgeräten funktionierte reibungslos. Damit stand stets die Verwendung des Tools im Vordergrund und entspricht dem ubiquitären Einsatz, bei dem die Technik in den Hintergrund rückt, um den eigentlichen Prozess zu unterstützen. Bisher gab es auch eine relativ hohe Beteiligung der Studierenden bzw. Hörer/innen. Dies ist wohl einerseits einem gewissen Neuigkeitseffekt geschuldet, andererseits auch der intuitiven Benutzeroberfläche. Auch die unmittelbare Reaktion der Visualisierung nach einer erfolgten Eingabe wird positiv kommentiert. Dabei ist zu berücksichtigen, dass alle Teilnehmer/innen Studierende der Informatik bzw. E-Learning-Interessierte sind und tendenziell weniger Schwierigkeiten mit einem neuen System haben. Es zeigte sich, dass der Einsatz des Systems bislang noch nie zu Störungen beim eigentlichen Vortrag führte.

40 Leave a comment on paragraph 40 0 Auf Seiten der Lehrenden bzw. der Interpretation des Feedbacks liegt jedoch offensichtlich eine größere Herausforderung. Hier stellt sich beispielsweise die Frage, (ab) wann eine Reaktion auf die Rückmeldungen notwendig wird. Es sind hier Überlegungen anzustellen, ob und wo Grenzwerte eingetragen werden sollten, die den Lehrenden schnell visualisieren, wenn das Hin und Her der Rückmeldungen Grenzen überschreitet, die zu konkretem Handeln zwingen, beispielsweise eine Frequenz der Vorlesung zu wiederholen, etwas neu zu umschreiben, auf fortführende Literatur hinzuweisen oder auch die Vor­lesung zu unterbrechen und die Studierenden nach dem aktuellen Problem zu fragen. Besonders herausfordernd ist die Interpretation des visualisierten Feedbacks, weil bei zwei Dimensionen positive Werte ideal sind, während bei der Dimension „Geschwindigkeit“ der mittlere Wert das Optimum darstellt. Gerade bei der „Geschwindigkeit“ ergibt sich auch ein Interpretationsspielraum, der bei der Konzeption nicht mitbedacht wurde: Geben die Studierenden eine Rückmeldung zur Sprechgeschwindigkeit, oder geben sie eine Rückmeldung auf die Geschwindigkeit des Vortrags? So stellte sich die Frage: Wenn ein/e Studierende/r den Regler in Richtung Schnecke schiebt, zeigt dies an, dass der Vortragende langsamer werden soll, oder wird dargestellt dass der Vortragende zu langsam ist? Diese zwei Annahmen sind konträr und der Standpunkt macht hier den Unterschied.

41 Leave a comment on paragraph 41 0 Gerade weil das Werkzeug eingesetzt wird, macht es natürlich eine Reaktion der Lehrenden notwendig, wenn Extremwerte erreicht werden. Das kann u.U. zu einer Unterbrechung der Veranstaltung und entsprechender Gespräche im Hörsaal führen. Aus unserer Sicht ist dies jedoch allgemein ein gewünschtes Ergebnis der Entwicklung und des Einsatzes des Systems: Dieses „Risiko“ einzugehen, ist eben auch der Zweck des Systems. Ambitionierte Lehrende sollen nicht erst durch kleiner werdende Hörerzahlen oder frustriert den Hörsaal verlassende Studierende und Gesamtevaluationen auf Probleme aufmerksam werden, sondern ggf. auch bereits vorher eingreifen können.

7    Zusammenfassung und Ausblick

42 Leave a comment on paragraph 42 0 In diesem Beitrag haben wir die Konzeption und Implementierung eines neuartigen Backchannel-Systems beschrieben. Das System ist für alle frei verfügbar und kann jederzeit eingesetzt werden (http://backchannel.cnc.io). Gleichzeitig hat unsere Darstellung gezeigt, dass weitere Erfahrungen und ein entsprechender Austausch dazu notwendig sind und auch von uns gewünscht werden. Darüberhinaus ist zu bedenken, dass gerade die didaktischen Auswirkungen des Werkzeugs auf den Verlauf von Vorträgen im Hörsaal noch weitestgehend offen sind. Hier sind zum einen Interpretationsspielräume beobachtbar, zum anderen Handlungsspielräume erst zu entdecken, um ein entsprechendes Methodenrepertoire für die Lehrenden gezielt zu entwickeln. Das könnten beispielsweise Handlungsempfehlungen sein, wenn eine Dimension (sehr) schlechte Werte erreicht. Auch ist der bisherige Prototyp, wenngleich einsatzfähig, eben noch ein vorläufiger im Hinblick auf die Wahl der Dimensionen. Es könnten hier gezielte parallele sozialwissenschaftliche bzw. pädagogische Überlegungen und Studien ausgeführt werden, die sich darauf konzentrieren, welche Dimensionen und Rückmeldungen allgemein für eine kurzfristige Veränderung in der Vorlesung taugen (entsprechende Untersuchungen konnten wir nicht finden). Auch der kombinierte Einsatz mit anderen Back- und Frontchannelsystemen ergibt weitere Fragen und Herausforderungen. Schließlich stellt das Werkzeug auch eine Interaktionsmöglichkeit bei gestreamten Lehrveranstaltungen dar, wo Rückmeldungen in Form von Haltung und Mimik der Hörer/innen nicht greifbar sind.

Literatur

43 Leave a comment on paragraph 43 0 Abrahamson, L. (2006). A Brief History of Networked Classrooms: Effects, Cases, Pedagogy, and Implications. In: David Banks (Ed.) Audience Response Systems in Higher Education (pp. 1–25). IGI Global.

44 Leave a comment on paragraph 44 0 Anderson, R. J., Anderson, R., Vandegrift, T., Wolfman, S. & Yasuhara, K. (2003). Promoting Interaction in Large Classes with Computer-Mediated Feedback. In: Designing for Change in Networked Learning Environments, Proceedings of CSCL 2003, Bergen, 119–123.

45 Leave a comment on paragraph 45 0 Atkinson, C. (2009). The Backchannel: How Audiences are Using Twitter and Social Media and Changing Presentations Forever. New Riders, S. 240.

46 Leave a comment on paragraph 46 0 Beck, K. & Andres, C. (2006). Extreme Programming Explained: Embrace change. Addison Wesley.

47 Leave a comment on paragraph 47 0 Bligh, D. A. (1971). What’s the Use of Lecturing? Devon, England: Teaching Service Centre, University of Exeter.

48 Leave a comment on paragraph 48 0 Boardman, D. E. (1968). The use of immediate response systems in junior college. PhD thesis. University of California.

49 Leave a comment on paragraph 49 0 Datta, A. & Ottmann, T. (2001) Towards a Virtual University. Journal of Universal Computer Science, 7, 870–885.

50 Leave a comment on paragraph 50 0 Ebner, M. (2009). Introducing live microblogging: how single presentations can be enhanced by the mass. Journal of research in innovative teaching, 91–101.

51 Leave a comment on paragraph 51 0 Ebner, M. (2010). Interactive Lecturing by Integrating Mobile Devices and Micro-blogging in Higher Education. Journal of Computing and Information Technology (eCIT), Vol. 17, No. 4, December 2009, 371–381.

52 Leave a comment on paragraph 52 0 Froehlich, H. P. (1963). What about classroom Communicators? Audiovisual communication review 11.3, 19–26.

53 Leave a comment on paragraph 53 0 Gehlen-Baum, V., Pohl, A. & Bry, F. (2011). Assessing Backstage – A Backchannel for Collaborative Learning in Large Classes. A Formative Study on its Usability and Influence on Students’ Questioning. In: Interactive Collaborative Learning (ICL). September 2011, 154–160.

54 Leave a comment on paragraph 54 0 Gleason, M. (1986). Better communication in large courses. College Teaching, 34 (1), 20–24.

55 Leave a comment on paragraph 55 0 Haintz, C. (2013). Quantitative Digital Backchannel: Developing a Web-Based Audience Response System for Measuring Audience Perception in Large Lectures. Master’s Thesis, Graz University of Technology.

56 Leave a comment on paragraph 56 0 Haintz, C., Pichler, K. & Ebner, M. (2014). Developing a Web-Based Question-Driven Audience Response System Supporting BYOD. Journal of Universal Computer Science (J.UCS). Special Issue on Interaction in Massive Courses. 20(1), 39–56.

57 Leave a comment on paragraph 57 0 Purgarthofer, P. & Reinthaler, W. (2008). Exploring the „Massive Multiplayer E-Learning“ Concept. Proceeding of 20th ED-Media Conference, AACE, 2015–2023.

58 Leave a comment on paragraph 58 0 Ratto, M., Shapiro, R. B., Truong, T. M. & Grisworld, W. G. (2003). The ActiveClass project: Experiments in encouraging classroom participation. Computer Support for Collaborative Learning (S. 477–486). Amsterdam: Kluwer.

59 Leave a comment on paragraph 59 0 Schön, S., Ebner, M., Rothe, H., Steinmann, R. & Wenger, F. (2013). Macht mit im Web! Anreizsysteme zur Unterstützung von Aktivitäten bei Community- und Content-Plattformen. Band 6 der Reihe „Social Media“. Salzburg: Salzburg Research.

60 Leave a comment on paragraph 60 0 Smith, B. (2001). Just give us the right answer. In: H. Edwards, B. Smith &
G. Webbs (Ed.),
Lecturing. Case studies, experience and practice (pp. 123–129). London: Taylor & Francis.

61 Leave a comment on paragraph 61 0 Yardi, S. (2006). The role of the backchannel in collaborative learning environments. International Conference on Learning Sciences, October 2004, 852–858.

62 Leave a comment on paragraph 62 0 1   http://www.lecturetools.com/ (letzter Abruf März 2014)

63 Leave a comment on paragraph 63 0 2   http://mytu.tu-freiberg.de/ (letzter Abruf März 2014)

64 Leave a comment on paragraph 64 0 3   https://understoodit.com/ (letzter Abruf März 2014)

Source: http://2014.gmw-online.de/567/