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Hochschullehre im virtuellen Klassenzimmer

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Sebastian Wieschowski
Veranstaltungsformen und Methoden für den Einsatz von
„Adobe Connect“ (Projektvorhaben)

1   Ziel des Beitrags

1 Leave a comment on paragraph 1 0 Im Fokus des Austausches soll ein Feedback für ein Dissertationsprojekt stehen, welches sich am Fachbereich Erziehungswissenschaften der Universität Bielefeld der Hochschuldidaktik im virtuellen Klassenzimmer widmet. Der Doktorand ist hauptberuflich an der privaten Fachhochschule der Diakonie in Bielefeld tätig, betreut die E-Learning-Aktivitäten und möchte fundierte Erkenntnisse für die Nutzung von Webinaren an der Hochschule gewinnen. Hierfür soll das Dissertationsprojekt neue Impulse liefern, da es bislang nur vereinzelt Forschung zur Hochschullehre per Web-Konferenz gibt.

2   Hintergrund

2 Leave a comment on paragraph 2 0 Unter der Bezeichnung „Virtuelles Klassenzimmer“ werden seit einigen Jahren vereinzelt spezielle Web-Konferenzsysteme eingesetzt, die „eine ortsunabhängige synchrone Zusammenarbeit aller am Lehr-/Lernprozess Beteiligten ermöglichen.“ (Czerwionka, Klebl & Schrader, 2009). In der Hochschullehre sind sogenannte „Webinare“ bislang allerdings nur vereinzelt zu beobachten. Dass Umsetzung von Hochschulseminaren und Prüfungsszenarien mithilfe internetgestützter Videoübertragung allerdings durchaus möglich ist, zeigen virtuelle Studienmodelle wie beispielsweise die „Webinare“ der FernUniversität in Hagen, die nach Angaben der Universität „dem klassischen Präsenzstudium in vielfacher Hinsicht immer ähnlicher“ würden, ohne „seine spezifischen Vorteile einzubüßen. Gelernt wird in einem virtuellen Klassenzimmer.“ (Dapprich, 2011)

3 Leave a comment on paragraph 3 0 Im Rahmen des beschriebenen Forschungsprojekts soll untersucht werden, inwie­weit audiovisuelle Übertragungstechniken die Umsetzung von Seminaren und Prüfungen im Rahmen eines universitären Curriculums ermöglichen. So bleibt trotz der räumlichen Trennung das ursprüngliche Seminar- sowie Prüfungs­szenario bestehen, da Dozent und Studierende sowie später Prüfer und Prüfling audiovisuell kommunizieren und interagieren und ein traditionell aufgebautes Lern- oder Prüfungsgespräch mit Frage- und Antwortstruktur möglich ist.

4 Leave a comment on paragraph 4 0 Im Fokus des Dissertationsprojektes stehen unter anderem mögliche Chancen und Hürden beim Einsatz von Webkonferenzen in der Hochschullehre aus Sicht der befragten Lehrenden.

5 Leave a comment on paragraph 5 0 Bei der Abbildung von Seminar- und Prüfungssituationen könnte der digitale Übertragungskanal zu einer objektiveren Beurteilung der Teilnehmenden beitragen. So wird in der Literatur die Annahme vertreten, dass die klassische Hierarchiestruktur, die bei einer Diskussion innerhalb einer festen Gruppe in einem einzigen Raum entsteht, durch die Videoübertragung aufgehoben wird und auch stillere TeilnehmerInnen aktiviert werden (Weinig, 1996, S. 167).

6 Leave a comment on paragraph 6 0 Durch den Einsatz der Videoübertragungstechnik könnten Studierende an neue Medien herangeführt werden und auf diesem Wege ihre Medienkompetenz erweitern. Dies ist insbesondere im Hinblick auf die zunehmende Bedeutung moderner IT-Systeme in der Wirtschaft nötig. So unterstreicht beispielsweise Wolfgang Thiele, Professor an der Fachhochschule Ostfriesland, bereits 1996 in seinem Aufsatz „Die Virtuelle Hochschule“, dass eine praxisorientierte Hochschulausbildung auch „neue Konzepte des Lehrens und Lernens“ erfordere und Studierende „den Umgang mit komplexen Informationssystemen kennenlernen“ müssten, die „in der Wirtschaftspraxis zum ‚state of the art‘ gehören.“ (Thiele, 1996) Dies trifft insbesondere auf Videokonferenztechnik zu, die insbesondere in international ausgerichteten Unternehmen bereits alltäglich eingesetzt wird.

7 Leave a comment on paragraph 7 0 Der Einsatz von Videoübertragungstechnik bei der Verbreitung von Seminaren und Prüfungen könnte die Vereinbarkeit von Privat- sowie Arbeitsleben und dem Studium steigern (Daesler-Lohmüller, 1996). So sorgt die Zunahme von flexiblen Arbeitszeitmodellen auch für einen stärkeren Bedarf nach korrespondierenden Bildungsangeboten.

8 Leave a comment on paragraph 8 0 Zudem müsste keine Rücksicht auf räumliche Kapazitäten genommen werden. Seminare und Prüfungen könnten an der Heimathochschule auch im Rahmen eines Fernstudiums oder bei Auslandsaufenthalten durchgeführt werden – dies dürfte den Hochschulen, die sich einem Kostendruck in allen Bereichen“ ausgesetzt sehen, entgegenkommen.

9 Leave a comment on paragraph 9 0 Durch die digitale Übertragungstechnik wäre ferner eine umfassende Doku­menta­tion und Analyse der Seminare und Prüfungen möglich.

10 Leave a comment on paragraph 10 0 Mithilfe von Webinaren könnten „differenziertere Angebote vorgehalten sowie regionale Standortnachteile ausgeglichen werden. So können spezielle Themen, die vor Ort nicht genügend InteressentInnen finden, dennoch mit vertretbarem Aufwand angeboten werden.“ (Daesler-Lohmüller, 1996) So wären insbesondere neue Studiengänge möglich, die bisher aufgrund einer geringen und geographisch weit entfernten Zielgruppe nicht angeboten werden konnten.

11 Leave a comment on paragraph 11 0 Webinare ermöglichen die parallele Durchführung eines Seminars an mehreren Hochschulen, dies wäre insbesondere bei internationalen Studiengängen oder gelegentlichen Kooperationen mit Seminarteilnehmenden aus dem Ausland relevant.

12 Leave a comment on paragraph 12 0 Den genannten Vorzügen stehen allerdings einige Hürden und Probleme gegenüber:

13 Leave a comment on paragraph 13 0 Zur Einrichtung der Technik dürfte ein hoher organisatorischer Aufwand notwendig sein, zudem müssten Studierende durchgehend über einen Laptop mit Webcam und Mikrofon verfügen.

14 Leave a comment on paragraph 14 0 Neben den technischen Hürden wäre zudem eine umfangreiche didaktische Vorbereitung der Seminare und Prüfungen unter Berücksichtigung der besonderen Situation einer Videoübertragung nötig. Für das Seminar müssten besondere Präsentationstechniken konzipiert werden. Auch müssten für die mündliche Prüfung spezielle Fragetechniken entwickelt werden, so dass kein Faktenwissen abgefragt, sondern der intuitive Umgang des Prüflings mit einem Thema bewertet wird.

15 Leave a comment on paragraph 15 0 Ferner müssten juristische Rahmenbedingungen geklärt werden, da die Prüfungs­form „Videoprüfung“ noch wenig verbreitet ist und grundlegende Rechtsfragen ungeklärt sind. Zwar wird in der Literatur zur Prüfungsgestaltung stets betont, dass sich die Prüfenden einen unmittelbaren Eindruck von der Leistung des Prüfungskandidaten machen müssen. Es ist allerdings nicht klar, ob der „unmittelbare“ Charakter der Wahrnehmung bei einer Videokonferenz gegeben ist. Hier ist eine Definitionslücke vorhanden, denn die Videoübertragung ist zweifelsfrei ein Medium zur Informationsübertragung, dennoch wäre durchaus die Interpretation möglich, dass auch eine Videokonferenz tatsächlich auch eine unmittelbare Wahrnehmung des Sicht- und Hörbaren ermöglicht.

3   Methode

16 Leave a comment on paragraph 16 0 Als Grundlage für die vorliegende Arbeit dient das Datenmaterial, ­welches im Rahmen von zwölf leitfadengestützten Experteninterviews gewonnen wurde. Der Leitfaden enthält Fragen zu sechs Schwerpunktthemen, darunter die Seminargestaltung und Seminarvorbereitung, organisatorische Rah­men­­bedingungen an der Hochschule sowie der Einsatz von Medien und Technik im Webinar. Außerdem werden Detailfragen zur Interaktion innerhalb des Seminars sowie der Motivation der Teilnehmenden gestellt.

17 Leave a comment on paragraph 17 0 Für den vorliegenden Workshop sollen hauptsächlich Erkenntnisse zu möglichen Einsatz­szenarien, insbesondere konkreten Seminar- und Veranstaltungsformen vorgestellt werden. Anhand der Angaben der Hochschullehrenden soll auch die Vorbereitung und Durchführung der Seminare beleuchtet und auf dieser Grundlage zu Best-Practice-Beispielen zusammengefasst werden.

4   Durchführung

18 Leave a comment on paragraph 18 0 Die zwölf Interviews wurden zwischen dem 24. Januar und dem 15. März 2013 geführt. Die Teilnehmenden wurden dafür an ihren Arbeitsorten persönlich aufgesucht, also in Bielefeld, Witten, München, Nürtingen, Stuttgart, Elmshorn, Kaiserslautern, Furtwangen sowie Würzburg. Die Interviews hatten eine Länge zwischen 32:29 und 104:14 Minuten.

5   Ausgewählte Zwischenergebnisse

19 Leave a comment on paragraph 19 0 Im Folgenden werden die Seminarformen vorgestellt, welche in den leitfadengestützten Experteninterviews sowie in der Literatur identifiziert werden konnten.

20 Leave a comment on paragraph 20 0 Vorlesung: In diesem Szenario steht der Vortrag des/der Hochschullehrenden mit Bild- und Tonübertragung im Mittelpunkt. Die Studierenden können das Webcam-Bild der Dozierenden sehen und ihre Stimme hören, übertragen selbst aber kein Bild und Ton.

21 Leave a comment on paragraph 21 0 Seminar: Dieses Szenario erweitert die klassische Vorlesung um weitere kommunikative Elemente. Bei Bedarf können die Studierenden auch ihr Webcambild und ihren Mikrofonton übertragen, eigene Diskussionsbeiträge während des Seminars leisten und in Kleingruppen ihre Lernergebnisse erarbeiten.

22 Leave a comment on paragraph 22 0 Lerngruppe: In diesem Szenario wird der virtuelle Seminarraum einer Lern­gruppe zur freien Verfügung überlassen, Dozierende sind üblicherweise nicht anwesend. Die Teilnehmenden werden mit Veranstalterrechten ausgestattet und können die Webinar-Oberfläche frei einteilen.

23 Leave a comment on paragraph 23 0 Sprechstunde: In diesem Szenario stehen Hochschullehrende abseits der Lehr­veranstaltung für Fragen im virtuellen Raum bereit.

24 Leave a comment on paragraph 24 0 Klausurkolloquium: In diesem Szenario beantworten Hochschullehrende im Vorfeld einer Prüfung konkrete Fragen und wiederholen bei Bedarf mögliche Prüfungs­inhalte.

25 Leave a comment on paragraph 25 0 Ringvorlesung: In diesem Szenario sprechen wechselnde Hochschullehrende, auch von anderen Institutionen, in regelmäßigen Abständen zu einem übergeordneten Thema, die Veranstaltung ist mindestens hochschulöffentlich.

26 Leave a comment on paragraph 26 0 Konferenz: In diesem Szenario halten verschiedene Fachleute verschiedene Vorträge und diskutieren hinterher. Die Veranstaltung ist ausschließlich für Hochschullehrende geöffnet.

27 Leave a comment on paragraph 27 0 Prüfung: In diesem Szenario erfolgt die mündliche Wissensabfrage durch Hochschullehrende.

28 Leave a comment on paragraph 28 0 Exkursion: In diesem Szenario zeigen Hochschullehrende relevante Gegen­stände oder Orte über ihre Webcam, meist mithilfe eines mobilen Endgerätes. Die Studierenden schauen von zuhause zu.

6   Zielsetzung des Austausches

29 Leave a comment on paragraph 29 0 Im Fokus kurzen Inputs sollen die ermittelten Seminarformen (z.B. Vorlesung, Seminar, mündliche Prüfung) im Überblick vorgestellt und mit Beispielen ver­deutlicht werden. Die Zuhörenden sollen auf diesem Weg einen groben Ein­blick in die Möglichkeiten bekommen, die „virtuelle Klassenzimmer“ wie „Adobe Connect“ für Hochschullehrende bieten und welche Vorbereitungen nötig sind, um entsprechende Seminare gelingen zu lassen. Danach ist ein Erfahrungsaustausch unter den zugehörenden Expertinnen und Experten beabsichtigt. Es besteht die Möglichkeit, eigene Erfahrungen zum Einsatz von Adobe Connect zu diskutieren oder Ideen für den künftigen Einsatz zu entwickeln. Außerdem können die genannten Einsatzszenarien mit dem Wissen der Teilnehmenden weiterentwickelt und neue Methoden (z.B. Open Space, Fishbowl-Diskussion) auf ihre „Webinar-Tauglichkeit“ hin überprüft werden.

Literatur

30 Leave a comment on paragraph 30 0 Czerwionka, T., Klebl, M. & Schrader, C. (2009). Die Einführung Virtueller Klassen­zimmer in der Fernlehre. Ein Instrumentarium zur nutzerorientierten Einführung neuer Bildungstechnologien. In: Apostolopoulos, N., Hoffmann, H., Mansmann, V. & Schwill, A. (Hrsg.), E-Learning 2009. Lernen im digitalen Zeitalter (S. 96–105). Münster: Waxmann.

31 Leave a comment on paragraph 31 0 Daesler-Lohmüller, C. (1996). Der virtuelle Hörsaal. Erfahrungen und Anregungen zur Lehre per Videokonferenz. Die neue Hochschule, 37(3), 14–16.

32 Leave a comment on paragraph 32 0 Dapprich, G. (2011). Studieren im Netz mit allen Sinnen. Wie unterscheiden sich Online- und „Face-to-Face“-Kommunikation grundsätzlich? http://www.fernuni-hagen.de/universitaet/newsletter/lehreundweiterbildung/29-news-webinare.shtm (Version vom 26.08.2011, abgerufen am 05.03.2012).

33 Leave a comment on paragraph 33 0 Thiele, W. (1996): Die virtuelle Hochschule. Kooperatives Lehren und Lernen mit Groupware-Unterstützung. Die neue Hochschule, 37(3), 11–13.

34 Leave a comment on paragraph 34 0 Weinig, K. (1996). Wie Technik Kommunikation verändert: Das Beispiel Video­konferenz. Münster: LIT Verlag.

Source: http://2014.gmw-online.de/550/